Geschichten - Tauschring Bocholt

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             Die Kunst der Autorität

"Autorität ist die menschliche Fähigkeit, andere mittels Begeisterung zu führen"

12 Leitsätze für ein neues Erziehungsbewusstsein:

1.   Erziehung beginnt mit dem Hinterfragen der eigenen Einstellung.

2.   Kinder vertrauen auf die Macht der Eltern. Missbrauche diese nicht.

3.   Gib deinem Kind die Chance, eine eigene Meinung zu bilden.

4.   Lerne, dass dein Kind nicht das werden muss, was du nicht geworden bist.

5.   Deine Zeit ist das Kostbarste, was du deinen Kindern geben kannst.

6.   Konsequenz ist keine Drohung, sondern bedeutet Sicherheit und Schutz.

7.   Das Erfahren von Grenzen ist ein lebenswichtiges Recht und keine Strafe.

8.   Nur derjenige hat Autorität, der andere mittels Begeisterung führt.

9.   Echte Disziplin fördert die Entwicklung und nicht den Gehorsam.

10. Es gibt keinen Grund, von einem Kind enttäuscht zu sein.

11. Dein Kind ist zwar nicht dein Partner, aber ein gleichwertiges Gegenüber.

12. Wenn die Zeit reif ist, dann lasse dein Kind ziehen.


Die wichtigste und unabdingbare Voraussetzung für Autorität ist menschliche Stärke. Wer das versteht, weiß auch, dass und warum diese nicht erzwungen werden kann. Jeder Erziehende muss daher lernen, selbst eine Autorität zu werden, und nicht seine Kinder zu zwingen, ihn als solche anzuerkennen.

A
utorität – kein anderes Schlagwort hat die Diskussion über Erziehung in den letzten Jahren so stark geprägt. Schien Autorität jahrhundertelang das Allheilmittel schlechthin zu sein, geriet sie gleichsam von einem Tag auf den anderen in Verruf. Was war passiert? Menschen aller Art hatten sie zu ihren Zwecken missbraucht – und niemand wollte mehr  etwas mit ihr zu tun haben. Fast unbemerkt war aus Autorität "autoritär" geworden – was aber etwas völlig anderes ist. Eine ganze Erziehergeneration widmete sich also dem Kampf gegen diesen Begriff und die vermeintlich dahinterstehende Geisteshaltung.

Das Wort Autorität kommt nicht aus dem Griechischen und hat auch nichts mit Obrigkeit zu tun. Seinen wirklichen Ursprung hat es im alten Rom: "Auctorias" war dort ein wichtiger Wertebegriff, der nicht nur in der Politik der römischen Republik eine bedeutende Rolle spielte. Es handelt sich hierbei ganz allgemein um eine Beschreibung der Fähigkeit, Menschen ohne eine gesetzlich verliehene Macht zu führen. Manche Wörterbücher umschreiben Autorität daher auch mit Würde, Ansehen und Einfluss. Anders gesagt können wir uns Autorität auch als so etwas wie Charisma vorstellen. Ein Mensch,der Autorität besitzt, ist demnach jemand, dem wir folgen, ohne dazu von irgendjemandgezwungen zu werden.

W
ie sieht nun die Kunst der Autorität aus? Ihre allerhöchste Form habe ich im chinesischen Kloster Shaolin erlebt. Die dort lebenden Mönche haben nicht nur sogenannten Zen – Buddhismus entwickelt, sondern auch die berühmte Nahkampftechnik des Shaolin Kung – Fu. Seit über 1500 Jahren vermitteln die Meister ihren Schülern diese Kampftechnik. Ihre Beziehung ist geprägt von gegenseitigem Respekt und einer im Wortsinn meisterlichen Autorität. Wer weiß, dass er es zur Not auch mit zehn, fünfzehn oder zwanzig Angreifern gleichzeitig aufnehmen kann, muss niemanden mehr etwas beweisen. Nicht einmal mehr sich selbst. Er hat eine Stufe erreicht, auf der man mit Charisma führt und nicht mehr mit Gewalt.

Der Meister kann seinem Schüler also nichts befehlen, er muss ihn überzeugen. Wer mit Autorität führt und nicht autoritär handelt, braucht schließlich die Anerkennung durch den anderen. Gleichzeitig wird der Schüler im Laufe des Unterrichts selbst ein immer besserer Kämpfer, weshalb jede Form von Gewalt als Erziehungsmittel von vornherein ausscheidet. Da nun die Autorität des Shaolin – Lehrers nicht durch irgendein Gesetz von oben verliehen wird, muss er sie sich ständig neu verdienen.

Richtig verstanden und nicht angewendet ist Autorität nach meiner Meinung das mächtigste und zugleich wunderbarste Werkzeug, das es in der Erziehung gibt. Hierbei handelt es sich um ein Prinzip der Natur. Auch ein Leithengst führt nicht aufgrund einer ihm gesetzlich zuerkannten Position, sondern weil die anderen ihn aus verschiedensten Gründen als Anführer akzeptieren.

E
s ist unmöglich, echte Autorität alleine durch eine Position zu erlangen. Die Begabung,
andere Wesen zu führen, muss man tief in sich spüren. Sonst funktioniert sie nicht.


Bernhard Moestl

Aus: "Wer Grenzen zieht, kann Wege öffnen"   

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